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Ostseeflucht 2000

   
   

 

Die alte Fluchtstrecke
Freiheitsschwimmen 14.Oktober 2000

Die alte Fluchtstrecke
Freiheitsschwimmen 14.Oktober 2000
Wolfgang Kulow
Schwimmen Boltenhagen -Dahme
ca.30 km bei 10°C Wassertemperatur


Planung und Organisation: Heidrun Resthöft

Begleitcrew:
Basisschiff: „Albatros“ mit Kapitän Reinhard Marne
Verbindung und Sicherungsboot, Großes Zodiac Schlauchboot: Werner Freidling
Versorgung und Sicherungsboot, Kleines Zodiac Schlauchboot: Matthias Pelz
TV Team für den NDR
Unterwasserkamera Thomas Hagemann

Bericht:

Ich sitze in der Polizeistation Burg auf Fehmarn.
Man hat mir die Fliesen aus einem Strandhaus in Meschendorf gestohlen.
Während der Polizist die Anzeige aufnimmt, sehe ich durch eine offen stehende Tür einen jungen drahtigen Mann und höre, dass er von Drüben hier her geschwommen ist.
Am nächsten Tag lese ich auf der Titelseite der Bildzeitung- ein Arzt schwamm 50 km durch die Ostsee. Es war Dr. Peter Döbler, man hatte ihn kurz vor Fehmarn aus dem Wasser gezogen.
Genau 30 Jahre später sollten wir uns wieder begegnen.

Heidrun Resthöft und ich sind zur Pressekonferenz nach Boltenhagen eingeladen Der Kurdirektor von Boltenhagen empfängt uns sehr freundlich..
Aber im Konferenzraum, herrscht eine komische Stimmung, Heidrun und der Kurdirektor schildern kurz unser Vorhaben, nämlich die alte DDR Fluchtstrecke in Gedenken an die vielen Opfer und auch an diejenigen, die es geschafft haben.
Ein junger Journalist meint, dass er sich mal in der Bevölkerung um gehört hätte, man ist hier der Meinung, die Flüchtlinge sind doch alles Kriminelle gewesen.
Eine beklemmende Stille macht sich im Raum breit.
Mir wird bewußt, dass ist ein heißes Thema, ich sage, es kann doch nicht sein, da waren doch auch Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen, wieder Stille.
Auf der Rückfahrt von Boltenhagen diskutieren Heidrun und ich noch lange über unser Vorhaben und die Reaktionen.
14.Oktober am frühen Morgen treffen wir uns an der Seebrücke von Dahme.
Die gesamte Ausrüstung wird auf den Motorsegler Albatros und dem großen Zodiac Schlauchboot verladen, dann starten wir Richtung Boltenhagen.
In Boltenhagen treffen wir auch die ehemaligen DDR Flüchtlinge die über die Ostsee in die Freiheit geschwommen sind. Es ist geplant, dass nach der ersten Gedenkstein Einweihung die ehemaligen DDR Flüchtlinge mich an Bord der Albatros auf der Schwimmstrecke begleiten.
Aber bereits bei der Gedenkstein Einweihung wird mir endgültig klar, dieses Thema, „DDR-Flucht“ ist ein heißes Eisen.
Noch eine Stunde bis zum Abschwimmen, ich stehe am Gedenkstein höre die bewegenden Worte eines Pastors, sehe weinende Frauen mit Blumen und hinter mir abfällige Sprüche, wie, mit diesem Dreck wollen wir nichts mehr zutun haben!
Ich muß mich fertig machen, denn meine Begleitschiffe wollen ablegen.
Ich steige in meinen spezial Schwimmanzug, fette noch mal die Achselhöhlen mit Vaseline, es kann los gehen.
Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken, am Strand stehen Kreuze, in Erinnerung an die vielen ertrunkenen DDR-Flüchtlingen. Bloß schnell durch gehen, nicht viel schauen, ich möchte keine weichen Knie bekommen.
Die Bedingungen sind Ideal, die Ostsee ist spiegelglatt aber nur 10°C Wassertemperatur.
Das Begleitboot „Albatros“ mit meiner Crew und den ehemaligen DDR Flüchtlingen Dr. Peter Döbler, Eberhard Schelter und Mario Westler an Bord, nimmt Kurs auf Dahme. Matthias ist mit dem kleinen Schlauchboot in meiner Nähe, es kann losgehen.
Auf der Seebrücke und dem Strand in Boltenhagen haben sich zahlreich Zuschauer eingefunden.
Ich stehe im Wasser setze meine Schwimmbrille auf und will ab schwimmen,
plötzlich fangen die Kirchenglocken an zu läuten, bloß jetzt nicht anfangen zudenken.
Die Arme fliegen weit nach vorne und ziehe Unterwasser kräftig durch.
Mein Körper gleitet zügig durchs Wasser, aber die Steilküste von Boltenhagen will nicht kleiner werden. Ich versuche mir vorzustellen, wie es den Flüchtlingen ergangen ist, die in der Nacht abgeschwommen sind. Die ständige Angst entdeckt zu werden, aber auch mit der Kälte, Erschöpfung und der Einsamkeit. Die Flüchtlinge setzten alles auf eine Karte, sogar
der Tod war mit eingeplant. Ich muß unwillkürlich, an den, vor 20 Jahren
in Dahme angetriebenen Toten Arztsohn denken, auch er hatte versucht in die Freiheit zu schwimmen.
Ich schwimme jetzt schon über 6 Stunden, in weiter Ferne sehe ich das Maritim-Hotel in Travemünde. Im Weste versinkt die blutrote Sonne und färbt mit ihren letzten Strahlen die Ostsee in ein rot gleißendes Meer. Gleichzeitig steht der Mond im Osten am Himmel und gibt ebenfalls ein unwirkliches rotes Licht. Ich habe das Gefühl, der Hölle durch sein Tor zu entkommen. Unvorstellbar, mir kommt der Gedanke, als schwimme ich in glühende Lava.
Die Kreuze am Strand, dass Läuten der Kirchenglocken vor dem Abschwimmen und jetzt diese gespenstische Szenerie. Ich bete - für die Menschen die hier umgekommen sind, aber auch, dass ich die Kraft haben, dieses Erinnerungs - Schwimmen durch zu stehen.
Es ist Vollmond, aber der Leuchtturm von Dahme, zeigt mir den richtigen Weg. Die Strömung treibt mich immer wieder in die Lübecker-Bucht.
Langsam merke ich, dass meine Beine taub und steif werden.
Das dröhnen des Schiffsmotors meines Begleitschiffes „Albatros“ mit den ehemaligen DDR-Schwimmer an Bord ist haut nah neben mir. Ich möchte nicht völlig unterkühlt in Dahme an kommen. Außerdem möchte ich gerne die Eindrücke und Empfindungen der ehemaligen Schwimmer mit bekommen. Ich entschließe mich kurz an Bord zu gehen, um noch einen wärmeren Schwimmanzug anzuziehen, dann springe ich wieder in die dunkle, eiskalte Ostsee.
Matthias bekommt es ein wenig mit der Angst zutun, ein riesiges Schiff mit voller Beleuchtung fährt ständig in unser Nähe, wenn es auf uns zu kommt, haben wir keine Möglichkeit auszuweichen. Nach langem hin und her Fahren verläßt es endlich unseren Kurs.
Der Tag bricht an, deutlich zeichnet sich die Küste von Dahme am Horizont ab.
Aber die Strömung verläuft jetzt anders, ich werde in Richtung Fehmarn getrieben und muss alles an Kraft aufwenden, um den richtigen Kurs zu halten.
Matthias versorgt mich mit warmen Getränken und achtet ständig auf meine gesundheitliche Verfassung.
Am Strand und auf der Seebrücke von Dahme stehen hunderte von Menschen.
Das Meer wird jetzt stürmisch, die Wellen türmen sich auf und überschlagen gurgelnd.
Meine Begleitboote geraten in Schwierigkeiten, Matthias kentert mit seinem Schlauchboot, kann sich aber alleine helfen. Beim Versuch noch Leute vom grossen Zodiac Schlauchboot auf den „Albatros“ über zusetzen, geht auf dem Schlauchboot eine Menge kaputt.
Kapitän Reinhard Marne versucht mit seinem „Albatros“ an der Seebrücke anzulegen, aber die grossen Wellen knallen das Schiff gegen die Brücke, er muss weiter fahren, bis in den Hafen von Grossenbrode.
Ich muss noch mal alles an Energie aufbringen und mit einer grossen Welle werde ich an den Strand von Dahme gespült. Ich lege eine kleine Gedenkpause ein und gehe in die Knie, ich habe die Mission erfüllt.
Sofort stürzen sich die Reporter auf mich und stellen Fragen über Fragen, erst dann merken sie, dass ihnen schon das Wasser bis an die Knöchel steht. Die vielen Zuschauer haben ihren Spass.
Einige Leute umarmen mich und bedanken sich bei mir, ich weis nicht, was ich sagen soll.

Sie haben Angehörige, die bei dem Versuch über die Ostsee zu fliehen umgekommen sind. Wir enthüllen auch an der Steilküste in Dahme einen Gedenkstein für die vielen Fluchtopfer.
Alle Beteiligten sind stolz darauf, etwas für eine gut Sache getan zuhaben.