|
An
verrückten Ideen hat es Wolfgang Kulow nie gemangelt.
Vor kurzem erfüllte
sich der Ostholsteiner einen Traum: In nur 8 Tagen rannte
er zusammen mit Stefan Schlett durch die chinesische Takla-Makan-Wüste,
legte 466 Kilometer zurück.
Ehrfürchtig schweift sein Blick über die karge,
lebensfeindliche Landschaft . Die Luft schmeckt trocken, fast
ein wenig salzig. Vereinzelt stehen Pappeln entlang der schnurgeraden
Straße, die ins Nichts zu führen scheint. Acht
Tage, 466 schmerzhafte Kilometer lang wird sich Wolfgang mit
den Entbehrungen der chinesischen Takla-Makan-Wüste messen,
wird seinen Körper zu Höchstleistungen zwingen,
ihn permanent schinden - bei Hitze, Kälte,
Sandstürmen und Schlafentzug.
Wolfgang lächelt. Wolfgang lächelt fast immer.
Was für „normale“ Menschen die Zutaten für
einen Horrortrip sind, lässt ihn frohlocken.
Es ist der Auftakt zu einer Traumreise, die er Seite an Seite
mit seinem Laufpartner
Stefan Schlett aus Kleinostheim unternehmen wird.
Mit austrainierten Beinen und angestrengt fröhlichen
Mienen machen sich Wolfgang und Stefan auf ihren Weg durch
Chinas große Wüste. Auf Schritt und Tritt verfolgt
von ihren fünf chinesischen Helfern in den beiden Begleitfahrzeugen,
einem Geländewagen und einem Van. Auch der bekannte Extremsport
TV-Mann Tillmann Scholl mit seinem Asistenten Thomas Meyer
sind dabei und drehen eine Reportage über die Wüstendurchquerung.
Der Fotograf Franklin Hollander hat nicht nur drei Kammeras
um seinen Hals, sondern
120 Filme im Gepäck.
Nach dem Start am nördlichem Rand der Takla Makan Wüste
in der nähe von Luntai
und etwa 65 Laufkilometer läuft am ersten Tag alles glatt.
Aber bereits am nächsten Tag sieht es anders aus, Wolfgang
plagt nach einer kalten
Nacht im Zelt der Ischias, kann anfangs kaum einen Schritt
laufen und bei Stefan meldet sich der Magen. Heute steht das
Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Kippe. Der
Van hat sich im tückisch tiefen Wüstensand festgefahren,
an einem Hang eine bedrohliche Schräglage eingenommen.
Wolfgang übernimmt das Kommando, dirigiert, motiviert,
redet in Deutsch und Englisch, mit Händen und Füßen.
Mit vereinten Kräften und der Zugkraft des Geländewagens
gelingt es, den Van wieder auf festen Untergrund zu lotsen.
Erleichtertes Gejohle. Die erste „Prüfung“
ist bestanden.
Ohne den Van mitsamt der Ausrüstung wäre das Projekt
zum Scheitern verurteilt.
Der dritte Tag begrüßt die Abenteuer mit einem
Sandsturm, schon in der Nacht flogen fast die Zelte weg. Schlechtwetterfrei
gibt es bei diesem Projekt nicht. Also geht’s weiter,
immerhin müssen pro Tag 65 Kilometer abgespult werden.
Bis zur Unkenntlichkeit vermummt, machen sich Wolfgang und
Stefan auf den Weg. Schritt für Schritt Mazartag entgegen,
dem Zielort des Acht-Tage-Laufes. Die fast 2000 Jahre alte
Tibeterfestung Mazartag spukt schon in den
Köpfen. Wolfgang glaubt sie zu sehen, aber es ist nur
eine Täuschung.
Die Wüste ist unbarmherzig und faszinierend zugleich.
Am nächsten Tag müssen sich die beiden Läufer
auf ein komplett anderes Wetter umstellen.
Es regnet ohne Unterlass. Langsam, aber stetig zieht die Feuchtigkeit
in die Kleidung der beiden Extremsportler, lässt sie
klamm werden. Diese extremen Wetterbedingungen zehren auch
an den Nerven der chinesischen Betreuer.
Nach dem Regen dampft die Wüste wie eine Waschküche.
Der Nebel lichtet sich und die Temperaturen steigen bis auf
47 Grad.
Die beiden Athleten müssen trinken was das Zeug hält,
auch die ausgeschwitzten Minealie wieder aufnehmen. Wolfgangs
Magen fängt an zu rebellieren, er kann keine Flüssigkeit
mehr aufnehmen, muss sich übergeben. Sein Wille treibt
ihn voran und mit Tütensuppen päppelt er sich wieder
auf. Am nächsten Tag rennt er, als sei nichts gewesen
und auch ein erneuter Sandsturm hält die beiden Läufer
nicht mehr auf. Nach acht schmerzhaften Tagen ist der Traum
perfekt. Wolfgang und Stefan erreichen nach 67:50 Stunden
reiner Laufzeit ihr Ziel Mazartag. Als sie oben auf dem Plateau
angekommen sind, herrscht für zwei, drei Sekunden Stille.
Die beiden Extremsportler atmen durch, inhalieren den Erfolg.
Kurz darauf bricht Jubel aus, alle sind froh, daß das
Unternehmen zu ende ist.
Die Takla Makan läßt uns wieder heraus und die
vielen Eindrücke und Erlebnisse nehmen wir mit.
[Von Christian Görtzen]
|